Das Waldecker Land
Die Geschichte des Landes

landkarte

Still ist's auf dem Weg zum Ermerod, einer Anhöhe des 542 Meter hohen Ochsenwurzelskopf. Der Weg, den der wanderer nimmt, führt durch einen Buchen- und Tannenwald, der wegen seiner Ursprünglichkeit an Überlieferungen des Garten Eden erinnert. Eine Welt, in der "Hirsch und Reh im stillen Waldgrund lauschen, wo der Quell zum klaren Bächlein rinnt", wie es der Heimatdichter August Koch vor über hundert Jahren beschrieb.
So erlebt es der Wanderer auch heute noch, wenn er von Hemfurth hinauf zum Ermerod geht und den Artenreichtum der heimischen Tier- und Pflanzenwelt bewundert. Auch der Ruf des Uhus ist hier wieder zu hören, wie einer, der hier wohnt, zu berichten weiß.

Ein Garten Eden im Waldecker Land? Nun, die Leute im Land der Eder leiten den Namen ihres Flusses, der für diese Region nicht immer Gutes brachte, gern von Eden ab.
Gold wurde dereinst aus seinem Sand gewaschen. Ein hessischer Landgraf ließ seine Dukaten gar aus Edergold prägen.

Zurück zum Wanderer, der aus dem Schatten des Waldes die Kuppe des Ermerod erblickt und sich unvermittelt einem Bauwerk aus Beton gegenüber sieht.
Menschenhand hat die Bergspitze ausgehoben und dort zwei riesige Wasserbecken angelegt. Von einer Plattform am Rande des größeren der beiden Speicherbecken bietet sich ihm eine unvergleichliche Aussicht über das Waldecker Land:
EderseeWälder und Höhen ringsherum und mittendrin der Edersee. Und wer nun mit dem geistigen Auge weiterzublicken vermag, der sieht diesen See als Mittelpunkt einer Region, die geprägt ist von alten Fachwerkstädten und einer nahezu unverfälschten Landschaft, in der Menschen Erholung suchen und finden.

Das Gold der Eder ist verwandelt worden in viele Schätze. Aber es waren nicht die Wichtelmänner oder gar märchenhafte Zauberer, die ihren Stab zum Segen der Menschheit geschwungen haben. Es war der Mensch selbst, der den ihm zugefallenen Edertalsperre"Schatz" - die Eder - zu zähmen und behüten wusste, indem er die Edertalsperre baute, die deutliche Impulse für die Entwicklung dieser Region brachte und die Menschen an ihre Heimat band.
Das war nicht immer so: "Die Auswanderung nach Amerika ist in keinem anderen Staat Deutschlands so groß wie im Fürstentum Waldeck", hieß es noch vor über hundert Jahren in einer Statistik des Waldecker Landes.
Die meisten Waldecker verließen ihre Heimat, weil sie Not litten, weil sie keine Hoffnung hatten, eine Familie ernähren zu können. In der neuen Welt aber wurden tüchtige Leute gebraucht.

Schloß WaldeckWeithin grüßt das Wahrzeichen des Waldecker Landes: die Burg Waldeck, die sich hoch über dem Edersee erhebt.
Ihre Gründung liegt im Dunkel der Geschichte. Doch die Sage erzählt, ein landfremder Ritter sei eines Tages auf der Suche nach einem geeigneten Platz für eine Burg durch das Edertal gezogen. Unterwegs sei er auf einen Schafhirten gestoßen, der sich, schläfrig geworden, im Grase ausgestreckt und es sich dort gemütlich gemacht hatte.
Als ihn der Fremde nach einem guten Burgenstandort fragte, fühlte sich der Hirte verständlicherweise gestört. Er soll als Antwort nur eines seiner Beine angehoben haben, mit den Zehen auf die Berge gezeigt und dabei gesagt haben: "Dort - an der Waldecke!"
Der Ritter aber habe die Sache ernstgenommen, sich bedankt und die Burg eben dort bauen lassen. Als es um die Namengebung ging, habe er sich der Schafhirten erinnert und der Burg den Namen Waldeck gegeben.

Nun, Sagen pflegen im allgemeinen ohne Zeitbestimmung erzählt zu werden.
Historiker gehen davon aus, daß im Waldeckischen bereits in grauer Vorzeit Sachsen und Franken lebten, die aber streng voneinander getrennt waren. Nördlich der Eder wohnten die Sachsen, südlich die Franken. Die Orte Sachsenberg, Sachsenhausen, Frankenberg und Frankenau mögen mit ihren Namen als Beweis dafür dienen. Doch hat sich die Eder bis in unsere Zeit hinein als Sprachgrenze erwiesen. Im sächsischen Gebiet - um nur ein paar Beispiele zu nennen - "die Harke", im fränkischen "der Rechen", im Norden ist von "Immen" die Rede, im Süden von den "Bienen" - und das, obwohl das Land seit gut 800 Jahren politisch geeint ist.

Was nun die Geschichte der Burg betrifft, die nahezu identisch mit der des Landes ist, so muß sich die Gründung jedenfalls vor dem Jahre 1120 zugetragen haben.
Denn damals gab es schon einen Ritter, der den Namen Bernhardus de Waldekke trug.
Die späteren Grafen von Waldeck aber entstammten dem Geschlecht der Grafen von Schwalenberg, das großen Einfluß im Gebiet der Weser und der Diemel hatte.
Aus diesem Grafenhaus kam auch der Eiserne Heinrich, Graf Heinrich IV., der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf Burg Waldeck residierte und von dem bis in unsere Zeit hinein im Volke erzählt wird.
Die Grafschaft Waldeck überstand im Laufe der Jahrhunderte mehrere Teilungen.
Graf Georg Friedrich erwarb im Jahre 1682 die Reichsfürstenwürde. Das Fürstentum ging unbeschadet aus der napoleonischen Zeit hervor, obwohl es sich dem Rheinbund angeschlossen hatte.
Seine Selbständigkeit konnte es auf die Dauer dann aber doch nicht behaupten.
Residenzschloß ArolsenIm Jahre 1866 übernahm das Königreich Preußen die Verwaltung des Landes.
Damals  sprach sich der Landtag für eine vollständige Vereinigung mit Preußen aus, was aber weder die Preußen noch der Landesfürst wollten.
Der letzte Früst von Waldeck, Friedrich, verlor am 13. November 1918 den Thron.
Zu jener Zeit residierten die Fürsten schon lange nicht mehr auf der Burg Waldeck.
Sie leben im Schloß Arolsen, das zu Beginn des 18. Jahrhunderts als waldeckische Variante des Schlosses zu Versailles erbaut worden war.

Das ehemalige Fürstentum Waldeck ist heute ein Teil des Bundeslandes Hessen. Trotzdem genießt die fürstliche Familie nach wie vor großes Ansehen. So werden Ereignisse im Fürstenhaus - wie etwa Hochzeiten - in der Bevölkerung mit großem Interesse verfolgt.
Die Burg, die mehrfach verändert wurde und zeitweilig als Zuchthaus diente, in dem es nicht besonders zimperlich zuging, birgt heute ein Hotel und ein heimatkundliches Museum.

(Quelle:" STROMLANDSCHAFTEN: Das Waldecker Land" vom Verlag Hans Christians, Hamburg)

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